Besucher: Warum sprechen Sie in den Tropen immer noch mit den Menschen über das „Unkraut“ in ihren Gärten, obwohl so viel medizinische Forschung betrieben wurde und so hervorragende moderne Medikamente verfügbar sind?
H-M H: Das stimmt, aber die bittere Realität ist, dass diese modernen Medikamente in vielen Regionen Afrikas und Asiens einfach nicht erhältlich sind. Wo sie erhältlich sind, sind sie oft viel zu teuer. Noch überraschender ist jedoch, dass es trotz der Millionen, die in die Forschung investiert wurden, einige pflanzliche Heilmittel gibt, die sogar wirksamer sind als jede moderne Behandlung.
Besucher: Das ist bemerkenswert. Können Sie mir ein Beispiel nennen?
H-M H: Gehen Sie in eine Apotheke und fragen Sie nach einer Tablette, die gleichzeitig hohen Blutdruck und Blutzuckerspiegel senkt, beim Einschlafen hilft, Energie und Appetit spendet und deren Inhaltsstoffe für die Behandlung von Krebs und AIDS patentiert sind. Ihr Apotheker wird verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen … aber die Lösung ist ganz einfach!
Besucher: Moringa! Was ist das Besondere an Moringa?
H-M H: Moringa ist völlig zu Recht sehr beliebt geworden. Ich sage immer: Wenn jemand ein Nahrungsergänzungsmittel braucht, sollte er Moringa als normales Blattpulver einnehmen, nicht als Kapsel – dabei geht es nur ums Geld! Jedes Jahr werden acht Millionen Kinder tot geboren oder sterben in den ersten Lebensmonaten. Die meisten dieser Familien sind arm, und in solchen Familien sind Mütter und Kinder fast immer unterernährt, wenn nicht sogar mangelernährt. Mit Moringa wird man zwar nicht reich, aber man kann gesund werden.
Besucher: Ich habe gehört, dass die Menschen in Teilen des Sudans Moringa als Unkraut ausreißen.
H-M H: Im Bestreben, modern zu werden, verlieren selbst die Sudanesen ihr traditionelles Wissen. Im Internet kann man Moringa-Blattpulver für 240 Euro pro Kilo kaufen – das entspricht dem Jahreseinkommen eines Sudanesen auf dem Land! Im Sudan traf ich einen Flüchtling, der zwei lange Jahre zu Fuß vom Südsudan nach Äthiopien, von dort nach Kenia und dann wieder zurück in den Südsudan geflohen war – ohne Geld. In dieser Zeit ernährten er und seine Familie sich fast ausschließlich von Blättern, vor allem von Moringa.
Besucher: Kann man Moringa-Blätter wirklich essen? Moringa-Blätter sind sehr ungewöhnlich, weil man sie direkt essen kann. Wir könnten uns wie Giraffen ernähren! Sie enthalten Vitamine, Proteine und Mineralstoffe – sie sind sogar mit Eiern vergleichbar! Üblicherweise sammelt man die Blätter, trocknet sie und mahlt sie zu Pulver. Dieses Pulver wird dann Brei beigemischt oder in andere Gerichte eingerührt. Auch Blüten, Samen, Schoten und Wurzeln sind essbar.
Besucher: Es gab bereits viele Programme zur Bekämpfung von Mangelernährung, aber das Problem besteht weiterhin. Kann Moringa erfolgreicher sein als andere Programme?
H-M H: Die meisten anderen Programme waren auf importierte Lebensmittel wie Milchpulver und Zucker angewiesen. Dann versiegen die Gelder, oder Korruption spielt eine zu große Rolle, weil die lokalen Mitarbeiter hohe Löhne fordern, oder die Projektcomputer werden von Viren oder gar Termiten befallen – und die Versorgung mit Nahrungsergänzungsmitteln geht verloren. Moringa hingegen wächst und gedeiht, Familien können sich weitgehend von Spendern unabhängig machen, Moringa übersteht sogar Dürreperioden. So kann jede Familie mit etwas Land einen Moringa-Baum direkt vor der Tür haben. In Teilen Südäthiopiens hat üblicherweise jede Familie einen Moringa-Baum im Garten und kocht die Blätter mindestens einmal pro Woche als Gemüse. Sie sehen also: Wenn Menschen Moringa anbauen, sind sie nicht auf Importe oder externe Organisationen angewiesen. Sie sind viel unabhängiger. Ich würde mir wünschen, dass jede Familie in den Tropen zehn Moringa-Bäume im Garten hätte!
Besucher, Herr Hirt, Sie sind Apotheker. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Moringa und Krankheiten?
H-M H: Sehr viele. Allein in den USA wurden 45 Patente für Moringa angemeldet, beispielsweise zur Behandlung von Pilzinfektionen, zur Wasseraufbereitung, als natürliche AIDS-Therapie, gegen Bluthochdruck, als Antibiotikum, bei Diabetes, zum Leberschutz, zur Steigerung der Muttermilchproduktion, bei Entzündungen, zur Wundheilung, als Diuretikum und gegen Tumore. Diese Patente zeigen uns, in welchen Bereichen Moringa-Behandlungen besonders wirksam sein könnten.
Besucher: Habe ich richtig gehört, dass Moringa auch wegen der globalen Erwärmung wichtig ist? Wie kann das sein?
H-M H: Wie jeder Baum entzieht auch Moringa der Atmosphäre Kohlendioxid. Die globale Erwärmung trifft arme Länder viel stärker als reiche. Insbesondere Veränderungen der Niederschlagsmuster können für Millionen von Menschen katastrophal sein. Angesichts des Bevölkerungswachstums in vielen Ländern ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser zudem lebensnotwendig. Wir müssen uns also damit auseinandersetzen, wie Wasser gesammelt, gespeichert und vor Verschmutzung geschützt werden kann. Wo kommt Moringa ins Spiel? Erstens ist Moringa eine gute Nährstoffquelle und sehr trockenresistent. Zweitens wirken zerstoßene Moringa-Samen bei verschmutztem Wasser als natürliches Flockungsmittel und Wasserreiniger.